Eine Kurzgeschichte von Benjamin Leeway, exklusiv für benjaminleeway.com

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Sensation! Wahre Identität des Thriller-Autors Benjamin Leeway enthüllt! Die Verhaftung des seit Monaten gesuchten Roman- und Novellenautors ist perfekt. In der Nacht auf Sonntag ist dem Geheimdienst von ID City ein spektakulärer Coup gelungen: Benjamin Leeway konnte in einem seiner zahlreichen Verstecke ausfindig gemacht und festgenommen werden. Einheitlichen Berichten zufolge war Leeway zum Zeitpunkt des Zugriffs gerade dabei, einen weiteren meta-satirischen Text zu verfassen. Dank zahlreicher Hinweise aus der Bevölkerung, der unermüdlichen Arbeit der Geheimermittler und des präzisen Zugriffs des Spezialkommandos konnte die Fertigstellung des Textes in letzter Sekunde vereitelt werden.
Und damit nicht genug: Die Ermittler haben es außerdem geschafft, des Autors wahre Identität zu lüften – ein Rätsel, das Leserinnen, Fans und Literaturkritiker jahrelang gleichermaßen beschäftigt hatte. Der Enthüllung zufolge steckt hinter dem Pseudonym Benjamin Leeway also lediglich ein Otto Normalbürger. Aber kann das wirklich sein? Oder ist dies bloß ein weiteres Meta-Spiel eines schamlosen Zynikers? Der Novellenschreiber selbst verweigert bislang jede direkte Aussage. Stattdessen ließ er über seinen Anwalt eine schriftliche Stellungnahme verbreiten.
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»Scheiße. Sie sind hier.« Ich wusste nicht, wohin mit meinem Personalausweis. Oder mit der Leiche. Die Zeit reichte nicht, um sie zu entsorgen. Ihr Blut mischte sich mit dem umgekippten Rotwein und der Teppich sog beides gierig auf – wie ein stiller Komplize.
»Mach die verdammte Tür auf, Benjamin!«, hörte ich den Aggressor von draußen rufen. Die Männer der Spezialeinheit waren nicht zum Verhandeln hier. »Wir wissen, dass du da drin bist!«
Ich überlegte, ob ich das Kapitel noch zu Ende schreiben könnte, bevor sie gleich eintreten würden. Die Verhinderung der Verhaftung. Zugegeben, ein etwas sperriger Titel – und doch nicht ohne Potenzial.
Ein dumpfer Schlag gegen die Tür riss mich aus meinen literarischen Gedanken. Dann noch einer. Das Holz splitterte und ich trat einen Schritt zurück, mein Atem ging flach. Und wieder flackerte die Neonröhre. Wenigstens auf die Musik ist verlass, dachte ich mir, während die Platte auf dem Spieler unaufhaltsam weiterdrehte und die wunderschönen leisen, ja, fast schon ironischen Streicher erklingen ließ. Johann Sebastian Bach. Es war immer Bach gewesen. Schon damals, als Kaspar Rockwell in Erikas Luxusapartment auf sie gewartet hatte.
Dann krachte die Tür auf.
»Hände hoch!«, brüllte einer.
Ich hob sie langsam. Zwischen meinen Fingern klebte das schmierige Zeug.
»Er hat Blut an den Händen!«, schrie der Spezialeinheitler.
»Das ist Tinte«, konterte ich. Sie würden es mir ohnehin nicht glauben. »Ich hatte gerade Korrektur gelesen.«
Einer der Beamten ging zum Tisch und hob mein Manuskript auf. »Was ist das hier?«
»Meine neueste Kurzgeschichte«, antwortete ich ehrlich wie eh und je. »Eine Satire.«
Der größere der beiden wirkte verunsichert, blickte zu seinem Kollegen, ohne den Kopf zu bewegen. Dann wieder zu mir. »Worüber?«, fragte er mit grimmiger Miene. »Worüber schreibst du zurzeit, Benjamin?«
»Ich…« Ich war mir nicht sicher, ob sie diese meta-fiktionale Ebene verstehen würden.
»Moment mal … Was ist das da hinten unter dem Plattenspieler??«
Gottverdammte Scheiße. Er hatte ihn entdeckt.
Der Kleinere grinste schief. »Das ist er, Benjamin, nicht wahr? Das ist dein verschissener Perso!«
Ich wusste, es hatte keinen Sinn mehr, ich musste mich geschlagen geben. »Du hast recht. Das ist er.«
»Los, an die Wand! Hände auf den Rücken!« Die Maschinenpistole schien seinen Worten zusätzlichen Druck zu verleihen. »Und keine Tricks, ja?! Ich kenne dich, Benjamin. Du immer mit deinen Psychospielchen. Aber die funktionieren bei uns nicht.«
Der Kleinere stolperte über die Leiche, als er nach der Identitätskarte greifen wollte. »Verdammt, Leeway, du solltest echt mal aufräumen hier!«
»Stell dich nicht so an«, rief der Kraftprotz seinem Kollegen zu, während er meinen Kopf gegen die Wand presste. »Lies schon vor! Was steht da?!«
Der Kleine hielt meinen Ausweis zwischen Daumen und Zeigefinger, streckte seinen Arm und öffnete den Mund. Bereit, den Namen auszusprechen, den niemand erfahren durfte. Doch etwas stimmte nicht. Er verengte die Augen. Und blinzelte.
»Was ist?!« Die Geduld des Bulligen war am Ende. Und ich bekam es zu spüren.
»Ich … Ich kann es nicht lesen…«
»Dann setz deine verdammte Lesebrille auf, du Idiot!«
Er tat es. Und nun war es endgültig vorbei. Jahre der Geheimnistuerei – verflogen und entzaubert. Bald würden es die beiden wissen. Dann ihre Vorgesetzten. Dann die Presse. Und schließlich die Öffentlichkeit.
»Also, da steht… Hanspeter Otto.«
Der Typ drückte mir den Lauf seiner Maschinenpistole noch stärker gegen den Nacken. »Bist du sicher??«, fuhr er seinen Kollegen an. »Du hältst den doch verkehrt!«
Der Kleine blickte verdutzt aus der Wäsche. Dann musste er über sich selbst lachen. »Ha, stimmt! Ich Blödian.« Er drehte das Kärtchen um einhundertachtzig Grad und versuchte es erneut.
Und in diesem Moment wusste ich: Das Spiel war aus. Game over.
»Otto Peterhans.«
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